9. Jahrgang

Ein Gramm Erfahrung ist besser als eine Tonne Theorie

– oder: unsere wichtigste Exkursion.

Naturschutzturm: OK, bekannt, immer frische Luft, Arbeit für alle und Herr König grillt mit uns; Grüne Woche, Schüler-Berlinale, Stiftung Warentest…auch gut, überraschend, greifbar.

Aber was kann man sich unter einer SchülerUni zum Thema „Antisemitismus“ vorstellen? Viele aus meiner Klasse dachten, dass es langweilig wird. Dachten wir.

Doch es kam ganz anders: Diese Exkursion in die Geschichte werden wir wohl nie vergessen.

Gropiusbau. Kinosaal. Wir, die Klasse 9d von Herr König, hatten uns schon am Eingang gewundert: Taschenkontrolle, viele Sicherheitsleute – und dann nur wir und eine andere Klasse im Kellerkino des Museums. Vorne im dunklen Raum eine kleine Bühne, zwei Stühle, eine Leselampe. Und eine alte Frau. Eine richtig süße Omi, wie einige gleich sagten, gleichzeitig eine richtige Dame, die uns bat, sich nach vorne zu setzen, damit sie uns besser sehen und hören kann. Wie sie es sagte, so liebevoll und so, dass keiner auch nur daran dachte, sich nach hinten zu setzen, wie üblich.

Und dann sagt sie, dass sie Jüdin ist und wieder in Berlin wohnt und fängt an von Kreuzberg im Jahr 1942 zu erzählen. Ruhe im Raum, weil jeder die Straßen kennt, von denen sie spricht. Die Straßen, wie die Skalitzer, wo sie sich ein letztes Mal mit ihrer Familie treffen will, um vor der Gestapo zu fliehen. Zu spät. Sie beschreibt, liest es aus ihrem Buch, wie sie den Gestapo-Mann erkennt, ihre Wohnung gar nicht mehr betritt, ihre Familie nie wieder sieht, weil sie „nach Osten“, „ins Gas“ geschickt wurde.

Margot Friedländers Lebensbericht hat uns gefesselt, berührt, erstmal stumm gemacht nach fast zwei Stunden Vorlesung. Und dann hatten wir so viele Fragen. Und Frau Friedländer hat mit jedem geredet, jedem die Hand gestreichelt.

Das „so was nie wieder passieren darf, dass ist unsere Aufgabe, den sie als Staffel an uns weiter gibt“, sagt sie.

Was ich auch noch nie erlebt habe: Dass wir uns von unserem Lehrer Geld leihen um ein Buch zu kaufen. Das Buch von Frau Friedländer zu kaufen, nicht nur eins oder zwei Bücher. Zehn Bücher, zehn Widmungen, immer mit dem Auftrag: Nie wieder.

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Celine Stommel, 9d   

 

 

Mein Bruder ist also der Neue in der 9b…

Ich bin die Schwester des Neuen. Vielleicht habe ich zwischendurch irgendetwas an seiner Entwicklung verpasst, aber für mich ist er der Alte geblieben. Trotzdem ist er jetzt der Neue. KSSF heißt die Neue.

Nun hat mein Bruder, der Neue, an der Neuen das große Los gezogen: Er soll den Beitrag für das Jahrbuch verfassen, denn er ist der Neue und als Neuer und Neue bekommt man das, worum sich niemand reißt. Das ist bei euch anscheinen der Jahrbucheintrag. Da kann ich aber froh sein. An meiner Schule haben wir sowas nicht. Da saß er nun, der Neue, mein Bruder (der Alte also) und wusste nicht, was oder warum ausgerechnet er diesen Beitrag schreiben soll. Mein Bruder ist seit Mitte Februar auf eurer Schule. Über seinem Kopf konnte ich die Denkblasen mit den vielen Fragezeichen sehen. „Los, komm!“, forderte ich ihn auf. „Wie war denn der Anfang an der KSSF so?!“. Ich lächelte aufmunternd. Konstantin lächelte nicht. Stattdessen seufzte er. Im Gegensatz zu mir schreibt er nicht gern. Er weiß auch nicht wirklich, was er erzählen soll.

Es gefällt ihm gut an der Schule, er möchte sich schnell eingewöhnen. Das Praktikum fand er super! An seiner alten Schule gab es das nicht in der 9. Klasse. Bei euch schon. Darüber ist er froh. Aber das waren auch drei Wochen, an denen nicht normal Schule war, an denen er die Leute aus der Klasse nicht näher kennenlernen konnte. Konstantin möchte nicht mehr der Neue sein, er möchte zur Klasse gehören, denn er hat sich super gefreut, als er das OK für die KSSF bekam. Neue Schule, neue Leute, neuer Abschnitt.

Er war neugierig auf das, was da kommt, hoffte auf eine schnelle Eingewöhnung. Aber irgendwie klappt dies leider nicht so schnell, wie er sich das gewünscht hatte. Dabei wurde er am ersten Tag supernett begrüßt. Wie gesagt, er würde gern zur Klasse dazugehören. Einige Mitschüler machen es ihm leicht, geben ihm das Gefühl, dass er am richtigen Ort sei. Ich freue mich für meinen Bruder und mit ihm.

Von einigen Mädchen aus seiner Klasse wurde er vor kurzem ungebeten neu getauft. Sie nannten ihn „Clemens“, warum auch immer. Clemens. Ein Name, der zu einem Heiligen passt, aber mein Bruder heißt Konstantin. Er ist auch kein Heiliger. Er ist einfach nur er. Der Alte eben. Oder der Neue. Wie man es nimmt.

Sein Schulweg ist jetzt um einiges länger und ich nun erst nach ihm los. Das bringt den Morgenrythmus noch immer ein wenig durcheinander, aber Konstantin hat sich schneller daran gewöhnt, als ich.

Ich bin echt froh, dass ich nirgends die Neue bin. Vermutlich schon alleine deswegen, weil ich es hassen würde, die Neue genannt zu werden.

Ich weiß noch nicht sehr viel über eure Schule, aber ich hoffe mehr zu erfahren.

Es grüßt die Schwester des Neuen oder besser: Kira, die Schwester von Konstantin.